Volkswagen Fehlzeiten 2026: Der Skandal um die „Initiative Fehlzeitenquote", Datenschutzverstöße bei 600 Mitarbeitern und die Frage nach den Grenzen des Fehlzeitenmanagements im Konzern
Was zunächst wie eine unternehmensinterne Maßnahme zur Senkung des Krankenstands klingt, hat sich zu einem handfesten Skandal entwickelt, der den ohnehin krisengebeutelten Volkswagenkonzern erneut in die Schlagzeilen bringt. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins Spiegel vom Mittwoch, dem 16. April 2026, sollen Führungskräfte der Volkswagen Group Services (VWGS) — VWs interner Leiharbeitsfirma — seit Juni 2025 in regelmäßigen Online-Meetings die Fehlzeiten einzelner Mitarbeiter inklusive ihrer Namen und Fehltage besprochen haben. Die „Initiative Fehlzeitenquote", wie das Programm intern bezeichnet wurde, betrifft mutmaßlich rund 600 Mitarbeiter, die nun von der VWGS schriftlich über die Verletzung ihrer personenbezogenen Daten informiert wurden — ein Vorgang, der nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verpflichtend ist.
Der Vorfall ist kein isoliertes Einzelereignis. Er reiht sich ein in eine Serie von Berichten über einen Volkswagen-Konzern, der unter einem enormen Spardruck steht: Bis 2030 will VW 50.000 Stellen abbauen, davon allein 35.000 bei der Kernmarke. Im vergangenen Jahr wurden bereits mehr als 500 Mitarbeiter wegen Fehlverhaltens entlassen, unter anderem wegen unentschuldigten Fehlens. VW-Markenchef Thomas Schäfer hat sich mehrfach öffentlich über den hohen Krankenstand des Konzerns beklagt. Und jetzt dieser Datenschutzverstoß, der die Frage aufwirft: Wo endet legitimes betriebliches Gesundheitsmanagement — und wo beginnt der unrechtmäßige Umgang mit sensiblen Arbeitnehmerdaten?
Dieser Artikel analysiert den aktuellen VW-Fehlzeiten-Skandal im Detail, beleuchtet den Kontext der tiefgreifenden Unternehmenskrise bei Europas größtem Automobilhersteller, erklärt die rechtlichen Rahmenbedingungen für Fehlzeitenmanagement und krankheitsbedingte Kündigung in Deutschland, und ordnet den Vorfall in die breitere Debatte über den hohen Krankenstand in Deutschland ein, der 2025 mit durchschnittlich fast 20 Fehltagen pro Beschäftigtem auf einem historisch erhöhten Niveau verharrte.
I — Der Fehlzeiten-Skandal bei VW: Was genau passiert ist
Die Fakten, die der Spiegel am 16. April 2026 veröffentlichte, sind in ihrer Konkretheit bemerkenswert — und in ihrer Dimension beunruhigend.
Die „Initiative Fehlzeitenquote": Ablauf und Struktur
Laut dem Bericht des Spiegel, dem ein entsprechendes Schreiben der VWGS an betroffene Mitarbeiter vorliegt, war die Situation folgende: Seit Juni 2025 sollen sich Projektleiter und -manager, Personaler und Meister der VW Group Services in zweiwöchentlichen Online-Meetings zusammengefunden haben. Thema dieser Treffen: die Fehlzeiten einzelner Mitarbeiter. Die Präsentationen erfolgten mittels PowerPoint-Folien, auf denen die Mitarbeiterdaten nach Berichten detailliert aufgeführt waren — jeweils unter Angabe von Namen und Fehltagen. Das Besondere und rechtlich Problematische an diesem Vorgehen: Die Runde war offenbar keine kleine, vertraute Gruppe mit unmittelbarem Personalverantwortung, sondern eine große Runde, in der Daten, die dem Datenschutz und im Falle von Krankheitsdaten sogar dem besonderen Schutz nach Artikel 9 DSGVO unterliegen, breit kommuniziert wurden.
Das Ziel der Initiative, das in Unternehmenskreisen kursiert, lässt aufhorchen. Demnach soll das Ziel der Initiative unter anderem gewesen sein, besonders problematische Mitarbeiter zu identifizieren und diese dann krankheitsbedingt zu kündigen. Das würde bedeuten, dass die Meetings nicht nur einem internen Austausch über abstrakte Fehlzeitenquoten dienten, sondern ganz konkret auf die Identifizierung einzelner Personen mit dem Ziel ihrer Entlassung abzielten — ein Vorhaben, das sowohl datenschutzrechtlich als auch arbeitsrechtlich äußerst problematisch ist.
Wer wusste davon — und wer nicht?
Ein entscheidender Aspekt des Skandals ist die Frage der Verantwortlichkeit. Die Geschäftsführung der VW Group Services habe von der Initiative nichts gewusst, so der Brief. Die Frage, wer sie veranlasst hat, prüfe aktuell die Volkswagen-Konzernrevision. Das bedeutet zweierlei: Einerseits signalisiert VW, dass es sich um einen nicht genehmigten, möglicherweise von einzelnen Führungskräften auf mittlerer Ebene angestoßenen Vorgang handelt. Andererseits kann sich das Unternehmen nicht gänzlich aus der Verantwortung nehmen — denn die DSGVO verpflichtet Unternehmen nicht nur dazu, Datenschutzverstöße zu melden, sondern auch dazu, interne Kontrollmechanismen zu implementieren, die solche Verstöße verhindern. Dass ein solches Programm über Monate hinweg stattfinden konnte, wirft Fragen über die Qualität der internen Compliance-Strukturen auf.
Der Umfang: 600 betroffene Mitarbeiter und ein Schreiben aus der VWGS
Die Datenschutzverstöße betreffen mutmaßlich rund 600 Mitarbeiter, wie der Spiegel am Mittwoch zuerst berichtete. Dem Nachrichtenportal liegt ein Schreiben vor, in dem die VWGS betroffene Mitarbeiter über die Verletzung ihrer personenbezogenen Daten informiert. VW Group Services, VWs interne Leiharbeitsfirma, hat den Vorfall gegenüber Spiegel bestätigt, allerdings ohne auf Details einzugehen. Das Schreiben selbst ist aus juristischer Sicht ein zweischneidiges Schwert: Es erfüllt die nach Artikel 34 DSGVO vorgeschriebene Pflicht zur Benachrichtigung betroffener Personen bei einem Datenschutzverstoß — dokumentiert damit aber gleichzeitig den Verstoß schriftlich und gibt betroffenen Mitarbeitern eine Grundlage für mögliche Schadenersatzklagen.
II — Der Kontext: VW unter massivem Spardruck und die Fehlzeiten-Debatte
Der Fehlzeiten-Skandal wäre ohne seinen Kontext schwer zu verstehen. Volkswagen steckt mitten in einer der tiefgreifendsten Unternehmenstransformationen seiner Geschichte.
Das VW-Sparprogramm: 50.000 Stellen weniger bis 2030
Volkswagen steht wie kaum ein anderer europäischer Automobilhersteller unter dem Doppeldruck der Elektromobilitätswende und des globalen Wettbewerbs. Der Spardruck beim Autokonzern ist hoch: Bis 2030 will Volkswagen 50.000 Stellen abbauen, 35.000 davon bei der Kernmarke VW. Dieses Sparprogramm, das Ende 2024 nach langen und harten Tarifverhandlungen mit der IG Metall vereinbart wurde, ist das bislang größte Restrukturierungsprogramm in der Geschichte des Konzerns. Es beinhaltet keine betriebsbedingten Kündigungen — so lautet die Vereinbarung mit dem Betriebsrat — aber Werkschließungen wurden ebenso wenig ausgeschlossen wie freiwillige Abgänge, Frühpensionierungen und den Abbau von Stellen durch natürliche Fluktuation. In diesem Kontext sind Fehlzeiten für die Unternehmensführung eine doppelt relevante Größe: Sie verursachen unmittelbare Kosten durch Entgeltfortzahlung und Ersatzkräfte — und sie verringern möglicherweise den Abbaueffekt, wenn kranke Mitarbeiter formell auf einer Stelle bleiben, die man eigentlich reduzieren möchte.
Die Entlassungen wegen Fehlverhaltens: 500+ Kündigungen im Jahr 2025
Der aktuelle Datenschutzvorfall steht nicht im luftleeren Raum. VW hat letztes Jahr über 500 Mitarbeiter wegen Fehlverhalten entlassen – unter anderem wegen unentschuldigten Fehlens. Diese Zahl ist bemerkenswert hoch und wurde in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert: Auf der einen Seite argumentieren Arbeitgebervertreter, dass unentschuldigtes Fehlen eine klare Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten darstellt und konsequentes Handeln des Arbeitgebers rechtfertigt. Abwesenheiten verursachen spürbare Zusatzkosten — etwa durch Ersatz, Überstunden und Planungsunsicherheit. Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass unentschuldigtes Fehlen im Fokus steht. Wer krank ist, soll geschützt sein; wer sich nicht an Melde- und Nachweispflichten hält, muss mit Folgen rechnen. Auf der anderen Seite weisen Gewerkschafter und Arbeitsrechtler darauf hin, dass eine Massenentlassung wegen Fehlverhaltens immer das Risiko trägt, auch Menschen zu treffen, die aus legitimen gesundheitlichen Gründen häufig abwesend waren und deren Krankheit fälschlicherweise als unentschuldigtes Fehlen eingestuft wurde.
VW-Markenchef Thomas Schäfer und die öffentliche Klage über Fehlzeiten
VW-Markenchef Thomas Schäfer hat schon öfter über Fehlzeiten geklagt. Seine Äußerungen fügten sich ein in eine breitere politische Debatte in Deutschland, die 2026 an Schärfe gewann. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den hohen deutschen Krankenstand öffentlich beklagt und Fragen zur telefonischen Krankschreibung aufgeworfen. Merz hatte einen aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand beklagt und die Möglichkeit infrage gestellt, bei leichteren Erkrankungen auch telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung zu bekommen. Diese politische Rahmung schuf ein Klima, in dem Unternehmen wie VW Fehlzeiten öffentlich als managementrelevantes Problem adressierten. Was bei VW Group Services dann folgte — die zweifelhafte „Initiative Fehlzeitenquote" — zeigt, wie diese Debatte auf betrieblicher Ebene in problematische Bahnen geraten kann.
III — Rechtliche Bewertung: Was erlaubt ist und was nicht
Der VW-Fehlzeiten-Vorfall berührt zwei zentrale Rechtsgebiete: das Datenschutzrecht und das Arbeitsrecht. Beide setzen dem Fehlzeitenmanagement von Arbeitgebern klare Grenzen.
Datenschutzrecht: Warum die Initiative DSGVO-widrig war
Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) unterscheidet zwischen „normalen" personenbezogenen Daten und sogenannten besonderen Kategorien personenbezogener Daten. Gesundheitsdaten gehören gemäß Artikel 9 DSGVO zu dieser zweiten, besonders sensiblen Kategorie, für die deutlich strengere Verarbeitungsregeln gelten. Krankheitsbedingte Fehlzeiten sind Gesundheitsdaten — sie erlauben Rückschlüsse auf die Gesundheit des betreffenden Arbeitnehmers. Ihre Verarbeitung ist nur unter engen Voraussetzungen erlaubt: in der Regel nur durch Personen, die einer Geheimhaltungspflicht unterliegen (etwa Betriebsärzte), oder soweit es für konkrete arbeitsrechtliche Maßnahmen unbedingt erforderlich ist. Das Besprechen konkreter Fehlzeiten einzelner namentlich benannter Mitarbeiter in einer großen Runde mit Projektleitern, Personalern und Meistern ohne erkennbare Notwendigkeit und ohne ausreichende Einschränkung des Personenkreises stellt einen erheblichen Datenschutzverstoß dar. Die VWGS hat das durch das Informationsschreiben an die betroffenen Mitarbeiter implizit anerkannt. Mögliche Folgen für den Konzern: Bußgelder durch die zuständige Datenschutzaufsichtsbehörde (bei solchen Verstößen können Sanktionen nach Art. 83 DSGVO bis zu 10 Millionen Euro oder 2% des weltweiten Jahresumsatzes betragen). Schadenersatzklagen von betroffenen Mitarbeitern nach Art. 82 DSGVO. Reputationsschaden für einen Konzern, der ohnehin in der Kritik steht.
Arbeitsrecht: Wann dürfen Fehlzeiten zu einer Kündigung führen?
Das Ziel der Initiative — kranke Mitarbeiter zu identifizieren, um sie anschließend zu kündigen — ist aus arbeitsrechtlicher Sicht äußerst problematisch, wenn es sich um tatsächlich kranke Mitarbeiter handelt. Krankheitsbedingte Fehlzeiten sind grundsätzlich kein Fehlverhalten. Wer krank ist, verletzt nicht willentlich seine Leistungspflicht. Anders liegt es bei Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit Krankheit — etwa fehlende oder verspätete Krankmeldung — oder bei vorgeschobener Krankheit; hier kann ein verhaltensbedingter Vorwurf im Raum stehen. Eine krankheitsbedingte Kündigung ist nach deutschem Recht unter sehr engen Voraussetzungen möglich, die im Wesentlichen drei Bedingungen umfassen: Erstens eine negative Gesundheitsprognose (die Fehlzeiten werden sich voraussichtlich fortsetzen). Zweitens eine erhebliche Beeinträchtigung der betrieblichen Interessen durch die Fehlzeiten. Drittens die Verhältnismäßigkeit der Kündigung — es darf kein milderes Mittel zur Verfügung stehen. Wer versucht, Mitarbeiter anhand ihrer Fehlzeiten zu identifizieren und dann zu entlassen, ohne diesen dreistufigen arbeitsrechtlichen Prüfungsrahmen einzuhalten, riskiert, zahlreiche Kündigungsschutzklagen zu verlieren. Entscheidend bleibt die Differenzierung im Einzelfall. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Mehrere hundert Kündigungen bedeuten in der Summe viele individuelle Brüche — mit Konsequenzen für Einkommen, Biografie und Selbstbild.
Was Arbeitgeber rechtlich dürfen: Der erlaubte Rahmen des Fehlzeitenmanagements
Fehlzeitenmanagement ist als solches erlaubt und betriebswirtschaftlich sinnvoll — es kommt auf das Wie an. Überdurchschnittlich hohe Fehlzeiten sind möglicherweise ein Alarmzeichen für gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen oder technische und ergonomische Mängel am Arbeitsplatz. Folgende Punkte gehören bei einer Analyse der betrieblichen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz auf den Prüfstand: Arbeitszeiten und Pausenregelungen, Arbeitsorganisation, Sicherheitsvorschriften. Erlaubte Maßnahmen des Fehlzeitenmanagements umfassen: Gespräche mit häufig erkrankten Mitarbeitern über mögliche betriebliche Ursachen (Rückkehrgespräche). Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) nach § 167 SGB IX für Mitarbeiter mit mehr als 6 Wochen Fehlzeiten innerhalb eines Jahres. Anonymisierte Auswertung von Fehlzeitenstatistiken zur Identifizierung von Abteilungen mit auffälligen Mustern. Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zur Prävention und Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Was dagegen nicht erlaubt ist: Das namentliche Benennen einzelner Mitarbeiter und ihrer Krankheitstage in großen Runden — genau das, was bei der „Initiative Fehlzeitenquote" offenbar geschah.
IV — Der große Kontext: Krankenstand in Deutschland 2025 und die politische Debatte
Der VW-Skandal wäre nicht ohne den gesellschaftlichen Hintergrund einer Deutschland-weiten Debatte über Fehlzeiten zu verstehen, die 2025 und 2026 politisch an Schärfe gewann.
Fast 20 Fehltage pro Beschäftigtem in Deutschland 2025
Die Zahlen sind ernüchternd: Im Durchschnitt fiel jeder Beschäftigte 2025 fast 20 Tage aus. Krankheitsausfälle bei der Arbeit sind nach einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr auf einem hohen Niveau geblieben. Der Krankenstand von 5,4 Prozent verharrt damit seit Jahren auf einem historisch erhöhten Niveau. Seit vier Jahren ist der Krankenstand auf einem weit überdurchschnittlichen Niveau mit erheblichen wirtschaftlichen Konsequenzen. In der Summe der vergangenen Jahre entspreche dies einem Ausfall von bis zu 160 Milliarden Euro. Diese astronomische Summe treibt Arbeitgeberverbände, Ökonomen und Politiker gleichermaßen um.
Die Hauptursachen des hohen deutschen Krankenstands
Die Ursachen für den anhaltend hohen Krankenstand in Deutschland sind vielfältig und von Experten gut dokumentiert. Zu den Hauptursachen zählen: Psychische Erkrankungen: Diagnosen wie Burnout oder schwere Depressionen sind oft mit sehr langen Ausfallzeiten verbunden und gelten als langfristige Treiber des hohen Krankenstands. Muskel-Skelett-Erkrankungen: Rückenleiden und Gelenkprobleme zwingen insbesondere körperlich arbeitende Menschen häufig zu wochenlangen Pausen. Atemwegserkrankungen: Auch wenn die Dauer pro Fall oft kürzer ist, summieren sich die Krankschreibungen in den Wintermonaten nach wie vor erheblich. In der Automobilindustrie, wo körperlich belastende Arbeit an Fließbändern mit Schichtsystemen kombiniert wird, sind diese Faktoren besonders relevant. Volkswagen als Konzern mit besonders exponierten Risikoprofilen: Schichtarbeit in der Produktion erhöht das Risiko für Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Transformationsdruck und die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz befeuern psychische Belastungen. Körperlich belastende Montagearbeiten führen zu Muskel-Skelett-Erkrankungen. Unter diesen Vorzeichen ist ein erhöhter Krankenstand nicht überraschend — und eine rein repressive Reaktion darauf verfehlt das eigentliche Problem.
Die politische Debatte: Merz gegen telefonische Krankmeldung, Gewerkschaften kontern
Die Debatte über den deutschen Krankenstand hat 2026 die höchsten politischen Ebenen erreicht. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelung zu überprüfen. Union und SPD hätten sich im Koalitionsvertrag verständigt, Missbrauch auszuschließen. Die Gewerkschaften reagierten scharf. Der Grünen-Abgeordneter Johannes Wagner kritisierte die Regierung scharf: „Kanzler Merz und Ministerin Warken haben ein neues Feindbild: erkältete Arbeitnehmer, die sich telefonisch krankschreiben lassen." Der Abgeordnete und Arzt sagt: „Der hohe Krankenstand hat nichts mit Missbrauch zu tun, sondern mit Personalmangel, Arbeitsverdichtung und Dauerstress." Interessanterweise steht eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung auf der Seite der Gewerkschaften: Eine deutliche Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist gegen eine Abschaffung der telefonischen Krankenschreibung. In der Forsa-Umfrage im Auftrag von Stern und RTL sprachen sich 62 Prozent für die Beibehaltung der Regelung aus, 35 Prozent plädierten dagegen.
V — Volkswagen und die Zukunft des Fehlzeitenmanagements: Was sich ändern muss
Der Skandal um die „Initiative Fehlzeitenquote" sollte nicht nur als VW-spezifisches Problem verstanden werden — er ist ein Symptom einer breiteren Fehlentwicklung im betrieblichen Umgang mit Fehlzeiten unter Kostendruck.
Betriebliches Gesundheitsmanagement als Alternative zur Repression
Um dem Trend der langen Ausfallzeiten effektiv entgegenzuwirken, fordern Gesundheitsexperten einen deutlich stärkeren Fokus auf das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM). Präventive Maßnahmen, die sowohl die körperliche Gesundheit stärken als auch die psychische Widerstandsfähigkeit fördern, sind unerlässlich. Arbeitgeber sind mehr denn je gefragt, gesunde Arbeitsbedingungen zu schaffen, um ihre Mitarbeiter langfristig und gesund im Beruf zu halten. Für einen Großkonzern wie Volkswagen, der die finanziellen Mittel für umfassende BGM-Programme besitzt, wäre ein solcher Ansatz nicht nur ethisch geboten, sondern auch wirtschaftlich sinnvoller als eine Strategie, die auf Überwachung und Kündigung setzt. Studien zeigen konsistent, dass Unternehmen mit ausgeprägtem betrieblichem Gesundheitsmanagement niedrigere Fehlzeitenquoten aufweisen als solche, die auf Kontrolle und Sanktionierung setzen.
Die Rolle des Betriebsrats: Ein mächtiger Gegenpart
Bei Volkswagen spielt der Betriebsrat traditionell eine außergewöhnlich starke Rolle. Die IG Metall und der VW-Betriebsrat haben in den Tarifverhandlungen Ende 2024 erhebliche Zugeständnisse von der Unternehmensführung erzwungen. Der aktuelle Fehlzeiten-Skandal dürfte die Spannung zwischen Management und Arbeitnehmervertretung erneut verschärfen. Der Betriebsrat hat nach dem Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) weitreichende Mitbestimmungsrechte, wenn es um Maßnahmen geht, die das Arbeitsverhalten oder die Leistung der Mitarbeiter betreffen — dazu gehört auch das Fehlzeitenmanagement. Eine Initiative wie die „Initiative Fehlzeitenquote", die ohne Wissen der Geschäftsführung und offenbar auch ohne Beteiligung des Betriebsrats stattfand, verletzt möglicherweise auch die betriebsverfassungsrechtlichen Informations- und Beratungsrechte.
Transparenz und Compliance: Was VW aus dem Skandal lernen muss
Auf einer übergeordneten Ebene zeigt der Fall eine gefährliche Dynamik in unter Druck stehenden Unternehmen: Wenn der Spardruck steigt und das Management personelle Ziele kommuniziert, entwickeln mittlere Führungsebenen mitunter eigenständige Maßnahmen, die die Unternehmensleitung sich offiziell nicht leisten kann oder will. Das Ergebnis ist eine Art institutionelle Verdrängung: Die Geschäftsführung „wusste nichts" — kann sich aber nicht von einer Unternehmenskultur freihalten, die solche Initiativen erst möglich machte. Für VW bedeutet das: Nur eine systematische Stärkung von Compliance-Strukturen, klare Richtlinien zum Umgang mit Fehlzeiten und konsequente Schulungen im Bereich Datenschutz werden verhindern, dass solche Vorfälle sich wiederholen.
FAQ — Häufig gestellte Fragen zum Volkswagen Fehlzeiten-Skandal 2026
F1: Was ist die „Initiative Fehlzeitenquote" bei Volkswagen?
Die „Initiative Fehlzeitenquote" ist ein internes Programm bei der VW Group Services (VWGS). Seit Juni 2025 sollen Projektleiter und -manager, Personaler und Meister sich in zweiwöchentlichen Online-Meetings „gegenseitig mittels PowerPoint-Präsentationen über Fehlzeiten von Mitarbeitern" ausgetauscht haben „jeweils unter Angabe von Namen und Fehltagen". Das Ziel soll laut Unternehmenskreisen die Identifizierung von Mitarbeitern mit hohen Fehlzeiten zwecks krankheitsbedingter Kündigung gewesen sein.
F2: Wie viele VW-Mitarbeiter sind vom Datenschutzverstoß betroffen?
Die Datenschutzverstöße betreffen mutmaßlich rund 600 Mitarbeiter der VW Group Services. Diese wurden bereits schriftlich von der VWGS über die Verletzung ihrer personenbezogenen Daten informiert, wie es die DSGVO vorschreibt. Die Volkswagen-Konzernrevision prüft, wer die Initiative veranlasst hat.
F3: Wie viele VW-Mitarbeiter wurden wegen Fehlverhaltens entlassen?
VW hat letztes Jahr über 500 Mitarbeiter wegen Fehlverhalten entlassen — unter anderem wegen unentschuldigten Fehlens. Diese Entlassungen stehen im Kontext des Sparprogramms, mit dem VW bis 2030 rund 50.000 Stellen abbauen will.
F4: Welche Datenschutzrechte haben betroffene VW-Mitarbeiter?
Betroffene Mitarbeiter haben nach Art. 82 DSGVO Anspruch auf Schadenersatz bei Datenschutzverstößen. Sie können außerdem Beschwerde bei der zuständigen Datenschutzaufsichtsbehörde einlegen. Das Informationsschreiben der VWGS dient als Dokumentation des Verstoßes und kann als Basis für rechtliche Schritte dienen.
F5: Wie hoch ist der Krankenstand bei Volkswagen und in Deutschland generell?
Konkrete aktuelle Zahlen für den VW-internen Krankenstand sind nicht öffentlich bekannt. In Deutschland insgesamt fiel jeder Beschäftigte 2025 im Durchschnitt fast 20 Tage aus. Der Krankenstand blieb bei 5,4 Prozent auf einem erhöhten Niveau stabil. Die wirtschaftlichen Schäden belaufen sich laut VFA-Studie auf bis zu 160 Milliarden Euro in den vergangenen Jahren.
F6: Wie kann ein Arbeitgeber Fehlzeiten rechtmäßig managen?
Rechtmäßiges Fehlzeitenmanagement umfasst: anonymisierte statistische Auswertungen, Rückkehrgespräche, betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) nach § 167 SGB IX und betriebliches Gesundheitsmanagement. Was nicht erlaubt ist: das namentliche Besprechen von Krankheitsdaten in großen Runden ohne Notwendigkeit — genau das, was bei VWGS offenbar geschah.
Fazit: Der VW-Fehlzeiten-Skandal als Warnsignal für die gesamte Wirtschaft
Der Skandal um die „Initiative Fehlzeitenquote" bei der Volkswagen Group Services ist weit mehr als ein isolierter Datenschutzverstoß bei einer Leiharbeitsfirma. Er ist ein Symptom der Bruchlinien, die entstehen, wenn enorme wirtschaftliche Druckverhältnisse auf eine Unternehmenskultur treffen, in der Compliance-Strukturen nicht stark genug sind, um Fehlentwicklungen auf mittlerer Führungsebene zu verhindern. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Mehrere hundert Kündigungen bedeuten in der Summe viele individuelle Brüche — mit Konsequenzen für Einkommen, Biografie und Selbstbild. Für Kolleginnen und Kollegen sind solche Nachrichten emotional und erzeugen Fragen: Wie sicher bin ich?
Für Volkswagen steht mehr auf dem Spiel als eine DSGVO-Buße oder ein mediales Gewitter, das sich nach wenigen Wochen legt. Das Vertrauen der Belegschaft — essenziell für den schwierigen Transformationsprozess, den der Konzern noch vor sich hat — wird durch solche Vorfälle nachhaltig beschädigt. Mitarbeiter, die fürchten müssen, dass ihre Krankheitsdaten in anonymen Online-Meetings der Weiterverarbeitung für ihre eigene Entlassung dienen, werden sich nicht als Partner einer Unternehmenstransformation sehen, sondern als deren Opfer. Das ist ein kulturelles Problem, das kein Sparprogramm löst — wohl aber verschärft.